Ramona Raabe
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Oh du fröhliches Café-Schreiben!
in allgemeines, Kurz Nachgedacht this entry has 1 Kommentar by Ramona Raabe

Ich habe mich auf die Kälte des Winters gefreut und war entzückt über den grauen Himmel, der ab Oktober in unregelmäßigen Abständen immer wieder über unsere Köpfe zog. Meist wurde ich dann entgeistert angeguckt. „Es ist so ehrlich“, sagte ich dann. „Das ist so schön nach einem Jahr LA.“

Das vergeht, wurde mir gesagt, und ich glaubte es sofort.

Und langsam tut es das. Ich sitze in einem meiner Lieblingscafés in Berlin, direkt gegenüber meiner Wohnung in Neukölln, und ich habe sogar meinen Lieblingsplatz bekommen. Der Tag ist ein permanenter Abend, der Nachmittag taucht sich in ein rauchiges Grau und feucht-beschlagene Fensterscheiben. Mein Kaffee ist schon leer. Ich wollte etwas schaffen. In der Waschmachine in der Wohnung dreht sich die erste Ladung. Punkt 1 von – ich weiß nicht wie vielen – : Check.

Mein Teller ist auch schon leer. Zumindest habe ich es schon mal geschafft, mich in den Blog hier einzuloggen und erste Sätze zu formulieren, von denen ich zwar glaube, dass sie sich nicht besonders interessant gestalten, aber heute – anders als häufig – ertrage ich weiße Fläche nicht, besonders nicht diese innerhalb meines Blog-Accounts.

Ich wollte mir noch ein Kuchenstück bestellen (Rasberry Cheese Cake heißt der wohl, zumindest sieht er wie einer aus; mit weißen Schokoladenraspeln – ihr habt das Bild im Kopf!). Und jetzt isst ein junger Mann, gehüllt in seine NorthFace Jacke, genau diesen Kuchen, und jetzt mag ich nicht mehr bestellen, damit es nicht so aussieht, als kaufe ich ihm den nach. Ich weiß, total albern. Während ich gerade begann, diesen Absatz zu schreiben, beschloss ich richtig gewitzt, einfach zu warten, bis er wieder geht – habe schließlich vor, heute hier noch was zu schaffen und länger zu bleiben! – aber gerade hat er seinen eigenen Laptop rausgeholt und aufgeklappt. Mist. Rücken an Rücken stellen sich unsere Laptops in 1m Luftlinie gegeneinander auf. Das Markenzeichen von seinem Gerät ist mit einem Sticker abgeklebt. Ohohoh – jetzt weiß ich natürlich so gar nicht, aus welchem Hause der stammt! Er sitzt wie ich auf einem Hocker, trinkt seinen Kaffee (von dem Kuchen sind mittlerweile nur noch Krümel übrig) und greift immer gezielt zu seiner Tasse, führt sie an seine Lippen, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Um dies zu beschreiben, habe ich nun öfter zu ihm hinüber geschaut;  und dann hat er schließlich doch auch den Blick von dem Display abgewandt, mich bemerkend (und mein Starren natürlich), und jetzt habe ich Sorge, er könnte meine Blicke missdeuten, und geht nicht davon aus, dass ich seine unverhoffte, kuchenessende, kaffeetrinkende, computertippende, strunztypische Präsenz lediglich dazu nutze um meinen Text, der bislang noch uninteressanter war als seine Aktivität, ein wenig, hm, aufzupeppen. Hat es geklappt?

Eigentlich ist es vielleicht ganz gut, dass ich nun doch kein Kuchenstück mehr bestellen mag. Erinnere mich nun doch daran, dass der beim letzten Mal  überraschend teuer war. Wir sind doch nicht bei starbucks hier!!! Das heißt normal-teuer, aber in diesem Café ist sonst alles so … günstig. Ich wollte sagen gut & günstig, aber ich glaube, das ist eine hauseigene Supermarktmarke, sowas wie attraktiv&preiswert.

Ich füge auch ein Foto vom letzten Mal hier an. Heute mache ich keins, denn zum einen sitz ich im Dunkeln, zum anderen IST es dunkel (draußen), und meine Tasse ist leer und mein Teller auch, und irgendwie gibt es heute auch keine Blume auf dem Tisch. Vielleicht kann ich mit dieser Beschwerde einen Rabatt auf den Kuchen erwirken, aber so jemand bin ich nicht. Und natürlich, wenn man mal ehrlich ist, könnte ich das auch so nicht. Nicht in Berlin-Neukölln.

Habe gerade ein leicht schlechtes Gewissen, weil ein junges Paar (das intepretiere ich nur hinein; es waren ein junger Mann und eine junge Frau, die zusammen in diesem Café sind) seine Köpfe hier in den Hinterraum streckte und mit dem Satz „Hm, hier sitzen die an dem Laptop“ – es gibt nur zwei Tische; einen besetze ich und den anderen Kuchenmann – , „willst du woanders hingehen?“ das Café wieder verließen. Jetzt fühle ich mich doch genötigt, den teuren Kuchen zu bestellen. Vielleicht einen anderen diesmal, zum ausprobieren. Wenn man etwas „Neues ausprobiert“ oder „die Erfahrung auch mal macht“, kann man sich ja häufig dadurch noch verzeihen, dass es sich nicht gelohnt hat oder eigentlich eine dumme Entscheidung war. Zum Beispiel hat meine Freundin das immer gesagt, als sie mir von ihrem ersten und ganz fürchterlichen One Night Stand erzählte. Eine Nacht mit einem auf einer Party abgeschleppten Kerl, der sie zu Praktiken verleitete (nicht zwang, aber dann auch nicht liebevoll hingeleitete, sondern eher mit der Omnipräsenz seiner sexuellen Erfahrungen und auch Erwartungen meine damals doch noch eher schüchterne, aber jüngst sich ausprobierende Freundin übermannte), die sie offenkundig doch verstört hatten, aber nun einmal geschehen waren. „Dann hat er das gemacht. Und dann hat er das gemacht.“ – Die Detailgetreuheit der Schilderungen verstärkte nur mein Gefühl dafür, dass hier etwas, verständlicherweise, verarbeitet werden musste. „Und dann das. – Aber jetzt habe ich das auch mal erfahren. Weißt du, das ist gut. Jetzt habe ich die Erfahrung auch mal gemacht. Muss man ja auch mal gemacht haben. Und dann hat er…“  War übrigens meine Party, auf der sie ihn kennen lernte. Aber ich kannte den auch nicht. – Who the fuck are you?            „Ja“, habe ich dann gesagt. „Ja.“ (noch mal nachdrücklich). „Wirklich gut, dass du die Erfahrung zumindest mal machen konntest.“

Es kommt besser und schlimmer: Besser, weil ich kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, dem einen Paar vielleicht den Platz genommen zu haben, denn ein anderes – „Sorry, is this free here?“ – stört sich offenbar nicht daran, mit der schweigsam, stierenden Laptop-Tippenden den Tisch zu teilen und kuschelig zu werden. Schlimmer, weil (nein, nicht das Kuscheln; in fact, I think I need love today!) die auch den Rasberry Cheese Cake haben!!! (Actually I need love everyday).

Jetzt habe ich nicht nur ‚Sorge‘, dass es besonders unoriginell aussieht, wenn ich mir denselben bestelle, sondern auch, dass es gleich keinen mehr gibt!! Ich muss also schnell handeln. Gute Nacht. Gleich 17 Uhr und Berlin-Neukölln wird von kalter, nasser Dunkelheit verschluckt. Zum Glück wohne ich gleich gegenüber. Vielleicht sollte ich mal nach der Wäsche schauen. Sonst muss ich wieder waschen, weil sie vom Liegenlassen nach dem Waschen muffelt. Ich gehöre aber zu denen, die es manchmal mit dem Weichspüler übertreiben. Bin eine Warmduscherin und Weichspülerin.

Ich wünsche euch einen schönen, ersten Advent. Ich habe vergessen, dass der auch im November sein kann.

Das Bild schönerer Tage, im selben Café mit demselben Kaffee und dem Kuchenstück, das ich mir noch holen muss (habe auch den Laptop entsprechend abgeschnitten, damit man so gar nicht erkennen kann, was das für einer ist. Wer mir schreibt und das Objekt identifizieren konnte, bekommt eine Tüte Gummibärchen. Ich wollte passenderweise erst den CheeseCake anbieten, aber wieder fiel mir ein, dass der zu teuer ist, und dass ich arme Studentin bin):

Kaffee-Kuchen-Buchstaben-Blumen-Freude

Ich denke, es ist nun lang genug her, dass mein Gegenüber sein Kuchenstück verspeist hat. – Jetzt greif ich an!

edit: hab angegriffen. find das stück irgendwie schmal. (siehe foto.) trotzdem glücklich. man muss ja nicht meckern, bloß weil schlechtes wetter ist! und man muss auch nicht dauernd erwähnen, das schlechtes wetter ist. an dem foto lässt sich auch erkennen, dass sich diesmal keine mühe in der serviettenfaltung gemacht worden ist. außerdem ist anzumerken, dass das foto meiner gerade bei schlechtem wetter zu tage tretenden eitelkeit nicht gerecht wird, aber meine scham darüber, in einem öffentlichen café selfies mit einem kuchenstück zu machen ist doch größer, als euch beweisen zu wollen, was ein sexy beast ich bin. was ja eigentlich sinn und zweck eines selfies wäre. und so beließ ich es bei einem versuch.

Endlich Kuchen - Ich werde verrückt!  Kaffe-Kuchen-Ratz-Fatz-WegMeine Reste. Quatsch, ich esse das natürlich noch auf. … und eure so? (Reste).

 

1 Kommentar

  • Annika Möller, 30. November 2014 at 18:29

    <3

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